Sekten

1. Was ist eine Sekte?

©Robert Altmann/Pixelio.de

Ob eine Gemeinschaft eine Sekte ist, liegt an ihrer Struktur, an ihrem Aufbau, nicht an ihrer Lehre. Es gibt Sekten in allen Religionen und auch eine zunehmende Zahl nichtreligiöser Sekten.

Als Sekte wird im Allgemeinen eine Gemeinschaft verstanden, die in irgendeiner Form abhängig macht, indem sie die Freiheit ihrer Mitglieder massiv einschränkt. Die Mitglieder geben ihre Entscheidungskompetenz, auch in alltäglichen Fragen, an die Gemeinschaft respektive an die Führung der Gemeinschaft ab.

Um dieses zu erreichen verfügt eine Sekte über drei typische Merkmale:

  1. Eine Sekte hat eine Führung, die alle Fragen regelt
  2. Eine Sekte schottet sich vom Rest der Gesellschaft ab
  3. Eine Sekte kontrolliert ihre Mitglieder

Wenn alle diese drei Merkmale gegeben sind, kann bei einer Gemeinschaft von einer Sekte gesprochen werden.

2. Wie erkenne ich eine Sekte? („Alarmzeichen“)

EBI-Checkliste für Einsteiger

Streiche einfach die Behauptungen durch, die auf „Deine“ neue Gruppe nicht zutreffen. –

Wenn Du nicht wirklich alle Behauptungen streichen kannst, ist schon VORSICHT geboten !

  1. Schon der erste Kontakt mit der Gruppe eröffnete eine völlig neue Weltsicht („Schlüsselerlebnis“)
  2. Das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und erklärt wirklich jedes Problem.
  3. Bei der Gruppe findest Du alles, was Du bisher vergeblich gesucht hast.
  4.  kabliczech / shutterstock

    kabliczech / shutterstock

    Die Gruppe hat einen Meister / Führer / Vater / Guru / Vordenker, der allein im Besitz der ganzen Wahrheit ist und oft wie ein Gott verehrt wird.

  5. Die Welt treibt auf eine Katastrophe zu, nur die Gruppe weiß, wie man die Welt noch retten kann.
  6. Die Gruppe ist die Elite, die übrige Menschheit ist krank / verloren – wenn sie nicht mitmacht / sich retten lässt.
  7. Die Gruppe lehnt die etablierte Wissenschaft ab. Die Lehre der Gruppe wird als einzig „echte Wissenschaft“ verstanden.
  8. Die Gruppe lehnt das „rationale Denken“, den „Mind“, den „Verstand“ oder die „Verkopfung“ als negativ / satanisch / unerleuchtet ab.
  9. Kritik und Ablehnung durch „Außenstehende“ ist gerade der Beweis, dass die Gruppe Recht hat.
  10. Die Gruppe bezeichnet sich als die „wahre“ Familie oder Gemeinschaft.
  11. Die Gruppe will, dass Du alle „alten“ Beziehungen (Familie, Wohngemeinschaft, Freundschaften) abbrichst, weil sie deine „Entwicklung“ behindern.
  12. Die Gruppe grenzt sich von der übrigen Welt ab, z.B. durch
    • Kleidung
    • Ernährungsvorschriften
    • eine eigene „Gruppensprache“
    • Reglementierung von zwischenmenschlichen Beziehungen
  13. Die Gruppe verlangt strikte Befolgung der Regeln oder „absolute Disziplin“, „denn dies ist der einzige Weg zur Rettung!“
  14. Die Gruppe schreibt dein Sexualverhalten vor, z.B.:
    • Partnerzusammenführung durch die Leitung oder
    • Gruppensexualität oder
    • totale Enthaltsamkeit für einfache Mitglieder
  15. Du bist keine Minute des Tages mehr allein – jemand aus der Gruppe ist immer bei dir.
  16. Die Gruppe füllt die gesamte Zeit mit Aufgaben, z.B.:
    • Verkauf von Büchern und Zeitungen
    • Werben neuer Mitglieder
    • Absolvieren von Kursen
    • Meditationen.
  17. Zweifelst du / stellt sich der versprochene Erfolg nicht ein oder wirst du nicht „geheilt“, bist du selber schuld, weil du dich nicht genug eingesetzt / weil du nicht genug glaubst.
  18. Mitglied der Gruppe sollst du möglichst sofort / heute werden.
  19. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sich in Ruhe ein Bild von der Gruppe zu machen: Du sollst nicht erst einmal nachdenken / reflektieren / prüfen, sondern erleben: „das kann man nämlich nicht erklären, komm doch gleich in unser Zentrum und mach erst mal mit!“

 

3. Beispiele für Sekten:

  • Vereinigungsbewegung – Mun
  • Hare Krishnas
  • Scientology

Beschreibungen siehe:

  • www.relinfo.ch   (Texte zu religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften und Strömungen)
  • www.hilfe24.de     (Netzwerk zur Hilfe und Selbsthilfe für Menschen, die mit Sekten in Berührung kommen.)

4. Gründe für den Beitritt zu einer sektenhaften Gemeinschaft

©Jutta Rotter/Pixelio.de

Wer einer Sekte beitritt, sucht einen Ausweg. Er steht in einer Krise und erlebt in der Sekte zumindest vorerst Erleichterung.

  • Bei jungen Menschen ist bei einem Sektenbeitritt heute häufig Einsamkeit das Hauptmotiv. Gemeinschaften mit organisierter Zuwendung („Love Bombing“) und durchstrukturiertem (Wochen-)Programm erreichen junge Menschen, deren soziales Netz gelockert und deren soziale Kompetenz zur Gewinnung neuer Freunde beschränkt ist.
  • Einsamkeit spielt zunehmend auch bei Sektenbeitritten von Seniorinnen und Senioren eine Rolle. Gemeinschaften, die Menschen zu Hause anwerben und schulen, sind bei dieser Altersgruppe heute recht erfolgreich. Daneben sprechen Seniorinnen und Senioren naturgemäß gehäuft auf Gemeinschaften an, die körperliche Heilung versprechen.
  • Manche Gemeinschaften sind auf Menschen spezialisiert, die nicht den Erfolg erleben, den sie sich eigentlich wünschen. Diese Gemeinschaften versprechen schnelles Vorankommen auf der Karriereleiter dank Anwendung der eigenen Methoden. Hier finden insbesondere Menschen in schwierigen beruflichen Verhältnissen dazu.
  • Andere Gruppen bauen auf grundsätzliche Kritik an der Gesellschaft, indem sie z.B. Verschwörungstheorien vertreten. Sie sprechen ein Publikum an, das durch gesellschaftliche Entwicklungen irritiert ist und meint, von den sozialen Prozessen der Gegenwart überrollt zu werden.
  • Gemeinschaften mit asketischer Tendenz oder partnervermittelnde Gruppen sprechen den jungen Menschen mit Liebeskummer an.
  • Organisationen, die sich in Verbindung mit höheren Sphären erleben und einen Aufstieg des einzelnen Menschen in diese geistigen Bereiche lehren, finden Anklang insbesondere bei Personen in den mittleren Lebensjahren, die sich in einer beruflichen und privaten Sackgasse-Situation erleben. Diese Konstellation ist zurzeit derart häufig, dass sich bei Beratungsstellen auf einen Sektenbeitritt eines jungen Menschen mindestens fünf Beitritte von Menschen in den mittleren Lebensjahren zu solchen Gemeinschaften ergeben.
  • Weniger häufig sind – im Gegensatz zu den Siebziger- und Achtzigerjahren – Sektenbeitritte aus einer weltanschaulichen Suche heraus.

5. Verhalten gegenüber Sektenmitgliedern

Die Reaktion der Angehörigen auf eine Sektenmitgliedschaft kann auf die Sektenkarriere durchaus einen Einfluss haben. Ist das werdende Mitglied noch unsicher, ob es der Sekte beitreten soll, kann die Abgabe kritischer Information zur Gemeinschaft hilfreich sein. Ist der Beitritt hingegen schon erfolgt und das Mitglied in der Rosa-Wolken-Phase, taugt kritische Information soviel, wie einem verliebten Menschen seinen Partner ausreden zu wollen. Sie ist erst dann wieder gefragt, wenn von Seiten des Mitglieds Zweifel geäußert werden.

Die grundlegende Regel im Umgang mit Sektenmitgliedern lautet:

In Kontakt bleiben!

©Macrelo Gerpe/Stock.xchng

Da die Wahrscheinlichkeit des Austritts direkt mit der Stärke des sozialen Netzes außerhalb der Sekte verbunden ist, kann die Bedeutung des Kontakterhalts nicht hoch genug eingeschätzt werden. Diesem Ziel ist alles andere unterzuordnen. So macht es keinen Sinn, dauernd die Sektenlehre diskutieren zu wollen. Dies führt höchstens zum Kontaktabbruch durch das Sektenmitglied. Ein öffentlicher Kampf gegen die Sekte, der ebenfalls meist zum Kontaktabbruch durch das Sektenmitglied führt, ist in dieser Phase nicht Aufgabe direkter Angehöriger, sondern spezialisierter Stellen und Gruppen (er kann aber dann sinnvoll sein, wenn der Kontaktabbruch bereits erfolgt ist, als Motivation zur Wiederaufnahme des Kontakts).

Weiters ist zu bedenken, dass der Sektenbeitritt aus einer Krisensituation heraus erfolgte. Wenn es möglich ist, sind dem Sektenmitglied Wege zu zeigen, wie es sein Defizit ohne die Gruppe decken kann.

Wenn die Sektenmitgliedschaft mit einer Ablösungsproblematik verbunden ist, ist es wichtig, dem Mitglied klar zu machen, dass der Anteil der Geschichte, der Ablösung und Suche nach einem eigenen Weg bedeutet, durchaus akzeptiert wird. Das Mitglied muss wissen, dass ein Austritt aus der Sekte einem Eintritt in ein neues, selbstständiges Leben gleichkommt, nicht den Wiedereintritt in das als unselbstständig erlebte alte Leben bedeutet.

Auszüge aus verschiedenen Beiträgen von Georg Otto Schmid: www.relinfo.ch/sekten

TIPPS:

Ausführlichere Sekteninfos:

  • www.relinfo.ch   (Texte zu religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften und Strömungen)
  • www.hilfe24.de     (Netzwerk zur Hilfe und Selbsthilfe für Menschen, die mit Sekten in Berührung kommen.)