Weil ich es mir wert bin

©Marek Bernat/stock.xchng

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Dass ihre Mutter in ihrem Tagebuch herumgeschnüffelt hat, ist schon Grund genug, sauer zu sein. Aber dass Lisa deswegen auch noch von der Klassenfahrt zu Hause bleiben muss, hält sie nicht aus. Was ist das für eine Welt! Da ist sie das erste Mal in ihrem Leben verliebt, hat so richtig Schmetterlinge im Bauch und fiebert seit Wochen auf die Reise ans Meer hin, und nun hat ihr gerade ihre Mutter eröffnet, daraus wird nichts. In Gedanken wiederholt sie zerknirscht die Argumentation ihrer Mutter:

„Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich. Du bist noch so jung, und hast schon einen Freund. Und dann auch noch aus deiner Klasse. Ich kann nicht zu lassen, dass du mit ihm und 30 anderen Jugendlichen mehrere Tage verreist. Wenn du mir wenigstens gesagt hättest, das du einen Freund hast. Aber so habe ich es erst aus deinem Tagebuch erfahren. Ich bin sehr enttäuscht von dir!“

Lisas Hände sind zur Faust geballt, ihr Gesicht  ist Tränen überströmt und ihr Herz fühlt sich an, als wäre es in 1000 Teile zerschnitten. Sie ist verletzt, fassungslos, maßlos enttäuscht. „Das werde ich ihr nie verzeihen!“, schluchzt sie leise vor sich hin.

Arme Lisa! Mir tut sie richtig leid. Wie konnte ihre Mutter ihr das antun? Das ist doch unfair, oder? Erst so unverschämt sein, im Tagebuch herumzuschnüffeln und dann auch noch die Klassenfahrt verbieten, anstatt sich für die dreiste Neugier zu entschuldigen!

Wer schon mal so richtig emotional verletzt wurde, weiß, was Lisa gerade durchmacht. Freunde, die einen belügen, Lehrer, die ungerecht sind, Chefs, die ihre Macht ausspielen.

Vergebung als Lebens-Mittel

Was macht man eigentlich mit dem ganzen Ballast an Verletzungen? Mit sich herum tragen oder vergeben? Vergeben? Leichter gesagt als getan!

Hast du dich schon mal gefragt, warum Jesus uns auffordert, zu vergeben? Immer wieder? Hat er Spaß daran, uns neben den ohnehin schon hohen Anforderungen eines christlichen Lebensstils, noch eins drauf zusetzen?

©beermug/stock.xchng

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Natürlich nicht, das wissen wir. Aber in punkto Vergebung fühlt sich das manchmal anders an. Wenn Jesus uns zur Vergebung auffordert, hat er unsere (seelische) Gesundheit im Sinn. Menschen, die nicht vergeben, bleiben verletzt und werden bitter. Das hat übrigens auch körperliche Auswirkungen. Hast du dich schon mal gewundert, warum manche Menschen immer so düster dreinschauen, total verspannt wirken und nur selten lächeln? Die Bitterkeit ist ihnen ins Gesicht geschrieben. – Nicht gerade erstrebenswert, oder?

Vergebung ist also ein Lebens-Mittel! Bei Vergebung geht es nicht in erster Linie um die Person, die mir Leid zugefügt hat, sondern um mich selbst. Darum macht sie auch Sinn, wenn der Schuldige sich bei mir nicht entschuldigt.

In dem Moment, wo ich mich dafür entscheide, dem anderen zu vergeben, löse ich eine unheilsame Bindung zwischen dem Verletzer und mir auf. Ich werfe den Ballast, der mich niederdrückt und krank macht, ab. Gleichzeitig überlasse ich den Übeltäter Gott und damit auch seinem Urteil.

Schwamm drüber?

„Aber so einfach geht das doch nicht. Wenn du wüsstest, was mein Vater mir angetan hat. Außerdem habe ich es ja schon versucht!“

Erstens: Jesus hat nicht gesagt, dass es leicht ist.

Zweitens: Jesus hat auch nicht gesagt, dass es  in einem Moment passiert.

©Fred Kuipers/stock.xchng

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Wir unterliegen oft dem Irrtum, dass wir Vergebung als punktuelles Ereignis sehen und nicht als Prozess bzw. Weg. Mit der Entscheidung, jemandem zu vergeben, ist der erste – und wichtigste – Schritt getan, aber eben noch nicht der ganze Weg gegangen. Gerade bei sehr tiefen Verletzungen, ist dieser Weg oft lang, auch wenn die Entscheidung dafür schon getroffen wurde, denn häufig ist der Betroffene sich über das emotionale Ausmaß der Verletzung nur teilweise im Klaren. Da gilt nur eins: geduldig mit sich selbst sein – und das Ziel im Auge behalten. Es geht um mich und mein Leben, nicht um den anderen.

Vergebung ist wie eine Pflanze. Wenn du den Samen in die Erde steckst, wirst du nicht gleich am nächsten Tag einen Baum vor dir haben. Erst mit der richtigen Pflege und nach einer Weile, wird ein Baum wachsen. Und dabei kann ein Seelsorger helfen, der das zarte Vergebungs-Pflänzchen gemeinsam mit dir beschützt und pflegt. Wenn Lisa sich also entscheidet, ihrer Mutter zu vergeben, dann werden ihre Gefühle nicht gleich umgewandelt. Sie wird immer noch traurig und vielleicht sogar wütend sein, wenn ihre Klassenkameraden von dem Sonnenuntergang am Meer erzählen und von der Abschlussparty am letzten Abend. Aber sie hat den Stachel, der sie verletzt hat, entfernt, und ihre Wunde kann zuheilen.

Außerdem geht es bei Vergebung nicht darum, die Handlung bzw. Worte des anderen schön zu reden. „Sie hat es ja nicht so gemeint“, hilft Lisa nicht weiter, denn sie ist verletzt, egal ob ihre Mutter das wirklich so gemeint hat oder nur einen schlechten Tag hatte. Auch der legendäre Schwamm, der drüber soll, wischt die Verletzung nicht mal eben weg, sondern vertuscht sie nur. Aber wohin dann mit den Gefühlen?

Unter den Teppich oder auf den Tisch

Gefühle gehören nicht unter den Teppich. Erst einmal muss sich Lisa klar werden, was sie verletzt hat. Das ist zum einen die große Enttäuschung, nicht mit auf der Klassenfahrt mit ihrem Freund dabei sein zu können. Da ist aber auch ihre verletzte Privatsphäre und damit ein Vertrauensbruch gegenüber ihrer Mutter. Es ist immer gut, seine Gefühle auszudrücken. Die Kunst ist allerdings wie. Verletze bzw. schade weder anderen noch dir selbst beim Ausdrücken deiner

©Alex Bruda/stock.xchng

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Gefühle. Ein Rundumschlag gegen alles und jeden ist wenig hilfreich. Vielleicht kann Lisa später, nachdem sie den ersten Schock überwunden hat, mit  ihrer Mutter über ihre Gefühle reden oder ihr einen Brief ( in angemessenen Worten) schreiben oder ein schriftliches Gebet formulieren. Sie wird sicher eine geballte Ladung an (destruktiver) Energie in sich spüren, die sie auch körperlich heraus lassen will, sei es durch joggen oder andere körperliche Aktivitäten. Das Wichtigste für sie ist jedoch, dass sie zu dem Entschluss kommt, ihrer Mutter zu vergeben, denn damit tut sie sich selbst den größten Gefallen.

 

nancy.flechsig@kommline.de

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