„Und ich war einfach nicht cool…“ Leben mit einer Behinderung

©Jean Valjean/Stock.xchng

Bärbel hat Arme, die kürzer sind als die der meisten Menschen – gleich dort, wo der Ellenbogen ist, sind ihre Hände. An den Händen hat sie jeweils 4 Finger.

Als ich Bärbel kennen gelernt habe, war das eines der ersten „Dinge“, die mir aufgefallen sind. Jetzt – nachdem wir uns schon viele Jahre kennen, ist mir ihre Behinderung gar nicht mehr bewusst – nur ab und zu, wenn wir zum Beispiel mit dem Auto fahren und es für Bärbel schwierig ist, den Gurt in den Verschluss zu stecken.

Ich hab Bärbel gefragt: „Wie hast du deine Teenager- und Jugendzeit erlebt?“

Spontane Antwort: „Es war schrecklich!“

Dann hat sie zu erzählen begonnen:

In der Schule

©Delian1111/Stock.xchng

„In der Schule, da ging es noch, meine Clique in der Klasse, meine Freundinnen waren mein zu Hause, das hat mir Geborgenheit gegeben. Aber ich hatte Panik: Was ist, wenn ich mit der Schule fertig bin – was wird dann?

Mit 16 ist mir so richtig aufgefallen, dass ich für Burschen uninteressant bin. In dem Alter bin ich zum ersten mal ‚Krüppel‘ genannt worden (im Schwimmbad war ich irgendeinem Burschen im Weg, der hat dann gesagt „Geh weg, du Krüppel“.)

Freundschaften hatte ich in der Schule – aber drüber hinaus war es schwierig. Es hat immer nur cool sein gezählt – und ich war einfach nicht cool. Ein paar mal war ich in einer Disco – aber das hat nix gebracht.

In einer Behinderten-Gruppe

In dieser Zeit hab ich dann begonnen, mich mit anderen zu treffen, die die selbe Behinderung haben (Die kurzen Arme kommen durch ein Medikament, das Bärbels Mutter – und viele andere Mütter – in der Schwangerschaft vom Arzt verschrieben bekommen haben. Contergan hieß es).

©Benjamin Rasmussen/Stock.xchng

Ich fuhr immer wieder zu Treffen, wir hatten Parties. Wir hatten alle eine ähnliche Behinderung. Einerseits hab ich diese Treffen genossen – denn da war keine Ablehnung durch ‚Nicht-Behinderte‘ da. Andererseits war es schwierig – denn wenn ich die anderen angesehen hab, war es als würde ich mich selbst im Spiegel sehen. …Was … so schau ich aus?!

Was mich an diesen Treffen noch störte, war diese Einteilung in ‚Behinderte‘ und ‚Nicht-Behinderte‘– hier waren nun die „Nicht-Behinderten“ die, die wir ablehnten. „Die verstehen uns ja sowieso nicht“.

Viele von uns waren bitter und neidisch auf die ‚Nicht-Behinderten‘.

Diese Bitterkeit hat mich sehr gestört, auch die Einteilung in ‚Behinderte und Nicht-Behinderte‘.

Mit 18

…kam ich dann mit einer Freundin in eine christliche Gemeinde.

Da hab ich zum ersten Mal erlebt, dass mich die Menschen nicht durch den Spiegel meiner Behinderung sehen, sondern mich so annehmen, wie ich bin.

Ich wurde ein Teil der Gruppe – und das war so anders als in der Disco – wo ich keine Chancen hatte in eine Clique reinzukommen. Die Leute dort waren an mir als Person interessiert – und sahen nicht die ‚Behinderte‘.

©G Schouten de Jel/Stock.xchng

Und trotzdem kostete es mich immer wieder Überwindung, hinzugehen, da ich mir dachte, irgendwann werden sie mich ablehnen. Aber die Ablehnung kam dort nie.

Am Anfang ging ich hauptsächlich wegen der Leute hin – aber nach einem guten halben Jahr merkte ich, dass ich dort auch wegen Gott hingehen sollte. Der Leiter der Jungendgruppe zeigte mal ein Bild: ein kleiner Junge mit einer riesigen Polizeimütze auf dem Kopf.

‚Wir sind oft wie dieser Junge – wir wären gerne jemand, der wir nicht sind. Gott sieht genau, wer wir sind. Gott können wir nichts vormachen.‘ Da wurde mir klar, dass ich hier nicht nur einfach vorspielen kann, dass mich Gott interessiert und in Wirklichkeit nur wegen der netten Leute komme. Gott hat mir gezeigt, dass ich mich wirklich für ihn interessieren soll. Ich hab dann zu Gott gesagt: ‚Ja, OK, ich probier’s, ich komm auch wegen Dir.‘ Ich denke, das war mein Anfang mit Gott.

Auf der Bibelschule

©hvaldez1/Stock.xchng

2 Jahre später war ich auf einer Bibelwoche und da hab ich in der Bibel den Psalm 139 gelesen.

Da steht: ‘Alle Tage meines Lebens sind in dein Buch geschrieben.‘ und: ‚Im Mutterleib hast du mich bereitet.‘ Da hab ich erkannt: Gott war da, als ich im Körper meiner Mutter herangewachsen bin. Gott hat das gesehen. Mir war als würde Gott zu mir sagen: ‚Ich hab das gesehen – und hab ja zu Dir gesagt, deshalb darfst Du auch ja zu Dir selber sagen‘.

Da hab ich zum ersten Mal gebetet: ‚Danke, Herr, für meine Behinderung‘.

Da hat zum ersten Mal mein Glaube etwas mit meinem Leben zu tun gehabt, irgendwie ist der Glaube da vom Kopf (Wissen über Gott usw.) ins Herz gerutscht.

Ab diesem Zeitpunkt hab ich dann aufgehört, mich zu verstecken.

Ab diesem Zeitpunkt hab ich die Blicke der Leute nicht mehr gesehen.

Hier bin ich „ich“ geworden.

 

Soweit das, was mir Bärbel auf die Frage: „Wie hast du deine Teenager- und Jugendzeit erlebt?“ und „Wie hat dir der Glaube an Jesus geholfen?“ geantwortet hat.

 

Bei ein paar Punkten hab ich noch mal weiter gefragt – und mir kommt vor, das ist sehr hilfreich, wenn man selber in einer schwierigen Situation im Leben ist (egal was es ist):

Zu Psalm 139:

„Gott hat gesehen, als ich mit einer Behinderung im Körper meiner Mutter herangewachsen bin“.

Manche Leute sagen dazu: „Wenn das so ist, dann ist Gott ein Sadist“ (Sadist = „einer, der anderen absichtlich Leid zufügt“) und wollen dann gar nichts mit Gott zu tun haben. Sie werden ganz hart und wütend auf Gott.

Bärbel kennt solche Menschen – und sie erzählt, wie bitter und traurig sie sind. Und wie die Bitterkeit den Zugang zu anderen Menschen und zu Gott verbaut.

©leovdworp/Stock.xchng

Und ich kenne Bärbel jetzt schon einige Zeit – und sehe, wie freundlich und fröhlich sie ist.

Bärbel ist nicht böse auf Gott, weil sie behindert ist, sie hat es angenommen und weiß, dass Gott gut ist. Und das hat eine gute Auswirkung auf ihr Leben.

Bärbels Lebensmotto (ein Gebet) – hat sie mal auf einem Plakat gelesen:

Herr gib mir:

  • die Kraft, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann
  • den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
  • und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

Leben mit Gott – schon als Jugendliche:

Noch etwas, was Bärbel gesagt hat:

„Wenn du schon in dieser Zeit (als Teenager, Jugendliche) Jesus kennen lernst, bleibt dir viel erspart – ich musste nicht alles ausprobieren und konnte viele Lebensfragen (welchen Beruf, welchen Partner usw.) mit Gott im Gebet besprechen – Gott weiß alles, darauf konnte ich vertrauen.“

Umgang mit dem Alleinsein, Angst, keine Freunde, keinen Freund zu finden:

©Billy Alexander/Stock.xchng

„Jemand hat mal zu mir gesagt: Das was andere Menschen gerne mit dir zusammen sein lässt, ist nicht das äußere Aussehen – sondern das, was das Herz ausstrahlt.

… und da hab ich angefangen, an meiner „Herzensausstrahlung“ was zu tun.
Wenn mein Herz „bitter“ ist, voll Groll und Wut – dann macht mich das hart – und andere Menschen sind nicht gerne mit mir zusammen. Aber wenn ich was gegen die Bitterkeit tue – und Gott was tun lasse – wird mein Herz weich … und kann zu strahlen anfangen.“
(und das ist so bei Bärbel …)