Leben mit Behinderung

Darf ich mich vorstellen?

Mein Name ist Brigitte Moosbrugger. Wenn es laut der Prognose unseres alten Hausarztes gegangen wäre, hätte ich das dritte Lebensjahr, oder zumindest die Pubertät nicht überlebt. Tatsächlich war es so, dass ich eine etwas schwierige Geburt hatte, weil ich in meiner Ungeduld viel zu früh die Welt sehen wollte. Ich musste deswegen nicht nur längere Zeit im Brutkasten verbringen, sondern der Sauerstoffmangel bei der Geburt hatte meine spastische Lähmung ausgelöst. Diese Funktionsstörung im Gehirn war natürlich nicht lebensbedrohlich, aber zur damaligen Zeit am Land noch relativ unbekannt.

Für mich war es als Kind überhaupt kein Problem, behindert zu sein. Trotz des frühen Todes meiner Mutter (ich war erst 3 Jahre alt) wuchs ich ganz normal bei meinen 9 älteren Geschwistern und meinem Vater auf. Ich wurde überall mitgenommen und ich war eben so wie ich war. Es gab damals noch keine Integrationsklassen, aber der Schuldirektor entschied, dass ich in die Schule aufgenommen wurde und damit basta. Während meiner 8-jährigen Schulzeit wurde ich von meinen Mitschülern auf dem Schlitten oder im Rollstuhl in die Schule mitgenommen. Ältere Mitschüler oder Lehrer trugen mich täglich die Treppen hoch und die Aufgaben machte ich Zuhause auf der elektrischen Schreibmaschine.

Natürlich gab es auch unangenehme Sachen, wie z. B. vier mehrmonatige Aufenthalte in einem Heim für behinderte Kinder. Aber wenn ich heute auf meine Kindheit zurückblicke, erkenne ich dankbar den positiven Grundstein, der in dieser Zeit gelegt wurde. Ich war trotz meiner Behinderung nicht in einer Sonderschule abgesondert, sondern mittendrin in der Gesellschaft. D.h. wenn ich heute in meinen Heimatort komme, dann weiß jeder, dass er sich mit mir normal unterhalten kann, trotz meiner Sprachbehinderung und meiner unkontrollierten Bewegungen, die durch meine überhöhte Muskelspannung entstehen.

Mit dem Ende der Schulzeit kamen aber einige schwierige Jahre, denn meine Freunde gingen ins Berufsleben, besuchten Unterhaltungen und ich… …ich saß alleine Zuhause. Eine Kopfoperation brachte nicht den erhofften Erfolg und so musste ich mir langsam eingestehen, dass sich der Traum von einem Beruf für mich wohl nie erfüllen würde.

Jetzt erkannte ich erst so richtig, dass ich in der Leistungsgesellschaft niemals mithalten konnte und dieses Wissen stürzte mich in tiefe Minderwertigkeitskomplexe. Ich sah mein Unvermögen und glaubte einfach dem, was andere über mich sagten: ich kann nichts, also bin ich nichts wert. Aber rückwirkend erkenne ich: „Ich habe mich trotzdem nie ganz aufgegeben und heute weiß ich, es war Jesus, der mich durch diese Zeit durchgetragen hat“.

Acht meiner Geschwister hatten inzwischen geheiratet und auch die letzte Schwester stand kurz davor. Was sollte nun mit mir werden? Ich wusste, ich wollte nicht in die „Lebenshilfe“, denn auf Grund meines Äußeren wurde ich eh schon oft als geistig behindert eingestuft und ich war mir sicher, wenn ich dann dort wäre, würde sich das noch verstärken. Ein Altersheim kam natürlich auch nicht in Frage und eine stetige Wanderschaft (immer abwechselnd ein paar Monate bei einer anderen Schwester) wollte ich auch nicht.

So entschied ich mich für das gerade im Bau befindliche Behindertendorf in Altenhof. Für mich bedeutete das zwar, dass ich im Oktober 1978 vom Bregenzerwald in Vorarlberg nach Oberösterreich übersiedeln musste, aber ich wusste, es war richtig. In Altenhof lernte ich Menschen kennen, die mir etwas zutrauten und mich herausforderten. Bereits zwei Monate später wurde ich als Bewohnervertreterin gewählt und war somit mit Problemen konfrontiert, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Bald darauf bekam ich meinen ersten Elektrorollstuhl, der mir ein völlig neues Gefühl der Selbständigkeit gab.

Ich hatte in Altenhof die Sicherheit der notwendigen Hilfe bei der Körperpflege und ich konnte innerhalb der vorgegebenen Tagesstruktur vieles unternehmen, was für mich neu war. Es fehlte mir auch nicht an Aufgaben und Herausforderungen, aber trotzdem hatte ich meine tiefen Minderwertigkeitskomplexe und wusste, aus eigener Kraft würde ich dieses Leben nicht lange durchhalten.

Die große Wende in meinem Leben

Im März 1980 besuchte ich ein Glaubensseminar und dabei wurde zur Lebensübergabe aufgerufen. Ich fuhr nach vorne, obwohl ich keine Ahnung hatte, welche Konsequenzen das haben würde. Doch in dem Moment, wo ich mein Leben Jesus gab, durchströmte mich ein tiefer Friede und plötzlich wusste ich, ich bin von Gott gewollt, angenommen und geliebt. Das bedeutete für mich, ich hatte eigentlich kein „Recht“ mehr, dass ich mich länger selber ablehnte und das war der Anfang meiner inneren Wiederherstellung.

Ich hatte nun nicht nur einen neuen Wert und eine neue Identität in Jesus, sondern über meinem Leben stand der Bibelvers aus 1. Petr. 5,7: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“. D.h. ich konnte mich stets auf Gottes Hilfe und praktische Fürsorge verlassen, egal ob ich schwierige Protokolle zu schreiben hatte, ob ich in meiner Funktion als Vertreterin im Dorfrat des Behindertendorfes mit dem Land verhandeln musste, oder ob ich einfach praktische Hilfe brauchte.

Dabei erlebte ich täglich meine kleinen und großen Wunder. Reisen war schon immer mein Hobby und allein schon immer eine Begleitperson zu finden, brauchte das Eingreifen des Herrn. Aber ein ganz besonderes Wunder und die Erfüllung eines Herzenswunsches war für mich meine erste Reise nach Israel. Ich empfand für das Volk der Juden schon immer eine starke Sympathie, weil ich in der Auseinandersetzung mit der Geschichte gelernt hatte, sie waren Außenseiter, so wie ich. Erst später erkannte ich, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind und dass die Bibel viel von ihnen erzählt. Auf jeden Fall wurde mit diesem Besuch in Israel die Bibel für mich richtig lebendig.

Schritt für Schritt führte mich der Jesus in neue Freiheit. Ich lernte, dass er nicht meine Faulheit unterstützt, aber wenn ich das tue, was ich kann, dann übernimmt er den Rest. Wenn ich z.B. vor Besucherführungen und Schülergruppen redete, dann musste er bewirken, dass ich verstanden werde oder wenn ich eine Reise organisierte, dann war es in seiner Hand, ob auch wirklich alles klappte. Oft wollte ich auch eigene Wünsche durchsetzen und dann wurde nichts daraus. Aber ich wusste und weiß es auch heute noch, der Herr hat immer den Überblick und weiß, was für mich gut ist.

Auf die Erfüllung eines Wunsches musste ich 16 Jahre warten – meine eigene Wohnung. Seit Sommer 1997 lebe ich allein in einer rollstuhlgerechten Mietwohnung in Linz. Wenn es Sie interessiert, wie das geht, können Sie gerne mit mir Kontakt aufnehmen.

So sehr ich hier leben wollte, erkannte ich doch bald, nur in der Wohnung zu sein ist fad, ich muss irgend etwas tun. Anfangs war ich in der Behindertenbewegung hier in Linz aktiv, zog mich aber dann zurück, weil es nicht meine Art ist, dass ich Verbesserungen für behinderte Menschen mit der „Ellenbogentechnik“ durchsetze. Ich will zwar auch größtmögliche Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, aber über mein Leben und mein Umfeld soll Jesus bestimmen.

Der Herr erinnerte mich an die Vision einer christlichen Behindertenarbeit in Österreich, die er mir schon vor 15 Jahren gab. Ich hatte deswegen schon zwei europäische Konferenzen mit Joni Eareckson besucht und war in Kontakt mit dem Verein „Glaube und Behinderung“ in der Schweiz. 1996 nach dem Abend mit Joni in Linz bekam ich Kontakt mit dem sehbehinderten Pastor Max Eugster. Genau wie mir, war es auch für ihn ein Anliegen, dass behinderte Menschen Jesus kennen lernen und dadurch ihren Wert und ihren Sinn in Gott finden. Immer wieder beteten wir für eine Arbeit von behinderten Christen für behinderte Menschen, aber eins war uns klar, wir wollten nichts aus uns heraus machen, sondern der Herr musste uns führen. Im Frühjahr 1999 bekamen wir Kontakt zu zwei Personen, die sich auch dafür interessierten und nun ging es fast Schlag auf Schlag.

Wir machten eine Umfrage an verschiedene Gemeinden bzgl. Interesse an so einer Arbeit und luden zu einem Kennenlern-Treffen im Mai ein. Von den dort anwesenden 15 Personen konnten wir spontan einen Trägerkreis aus 8 Personen bilden.

Bei den ersten Besprechungen legten wir fest „Wer wir sind?“, „Was wir wollen?“ und „Was sind unsere Ziele?“. Wir fanden auch unseren Namen „Christ & Behinderung“ und entschlossen uns, als Arbeitsforum unter der Evangelischen Allianz zu arbeiten.

Wer Näheres über Christ & Behinderung wissen möchte, ist herzlich eingeladen, unsere Homepage zu besuchen oder mich zu kontaktieren.

Neben meiner Aktivität für Christ & Behinderung machte ich dann in ca. 1 ½ Jahren einen Fernkurs in Journalistik.

Für mich war es echt ein Wunder, dass ich schon wenige Wochen nach dem Abschluss die ersten Aufträge in diese Richtung bekam. Über diese Schiene kam ich mehr und mehr in die politische Behindertenarbeit in Oberösterreich, bewarb mich wieder bei SLI (=Selbstbestimmt-Leben-Initiative Linz) für Öffentlichkeitsarbeit und landete so bei meiner jetzigen Arbeit im Projekt „Persönliche Assistenz„.

2006 Das Jahr der erfüllten Träume

War es am Anfang freiwilliger Einsatz und ehrenamtliche Arbeit in der Persönlichen Assistenz GmbH, so bin ich seit November 2006 fix als Mitarbeiterin angestellt. So wurde mein Traum von einem Beruf, den ich vor 30 Jahren aufgegeben hatte, doch noch wahr!

Noch ein Traum, den ich auch mehr als 20 Jahre geträumt hatte, ging im April 2006 in Erfüllung! Innerhalb einer Woche war ich Besitzerin eines gebrauchten (bereits rollstuhlgerecht umgebauten) Autos. Ich kann also mit AssistentInnen hinfahren, wo ich will und vor allem mit dem Elektrorollstuhl überall aussteigen!

Was ich nie zu träumen gewagt hätte, wurde bereits am 1. Jänner Realität! Ich bekomme vom Land das Geld direkt und mit diesem „Persönlichen Budget“ kann ich die Assistenz, die ich brauche, selber einkaufen wo ich will, bzw. mir die AssistentInnen selber anstellen.

Niemand der es nicht selber erfahren hat kann ermessen, welche Freiheit aber auch Eigenverantwortung ich durch all‘ das habe! Ich weiß letztlich ist es der Herr, der mich so geführt hat und der mir zutraut, dass ich mit all dem gut umgehen kann!

Eine weitere ganz wichtige Sache ist für mich auch Bewusstseinsbildung zum Thema Behinderung in Schulen, Jugendgruppen, Hauskreisen, etc. …

Als Emblem für diesen Bericht und für meine Visitenkarte wählte ich einen Schmetterling. Der Schmetterling ist kein christliches Symbol, aber irgendwie kann ich mein Leben gut damit vergleichen.

Als Raupe frisst und wächst er nur, und obwohl er eher abgelehnt wird, entwickelt er sich zu seiner Bestimmung – und so war auch meine Kindheit. Später spinnt er sich ein, zieht sich zurück und ist scheinbar nutzlos für die Welt – auch mit dieser Phase kann ich mich identifizieren. Eines Tages wird aus der in sich gefesselten Puppe ein wunderschöner Schmetterling, der frei ist und die Freiheit genießt. Diese innere Freiheit hat Jesus mir geschenkt, und ich erlebe es immer wieder: „Wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei.“ So wie der bunte Schmetterling viele Menschen erfreut, möchte auch ich ein Freudenbote sein für diese Welt und so wie er Blumen bestäubt, möchte ich meine Mitmenschen befruchten (anstecken) und ermutigen.

Es bleibt mir jetzt nur noch jedem von Ihnen, der diese Zeilen gelesen hat, Gottes Segen und alles Gute für die Zukunft zu wünschen

Eure Brigitte

Artikel mit freundlicher Erlaubnis aus der Homepage von Brigitte Moosbrugger