Lass mich in Ruhe!

Betteln im öffentlichen Raum

©Matthias Balzer/pixelio.de

Wer sich in der Nähe von Bahnhöfen und Einkaufszentren zu Fuß bewegt, wird schnell einmal angesprochen – von einem bettelnden Mitmenschen. Vielleicht hat er auch eine Zeitung in der Hand, die er vorgibt, verkaufen zu wollen, oder „schenkt“ eine Rose her – um dann aber doch eine „Spende“ dafür einzufordern.
Was tun? Etwas geben – wegschauen – nachfragen – schimpfen?

  • Abweisung ist am Häufigsten, und das ist leicht nachzuvollziehen: Zahlen wir nicht ohnehin schon viel für Arme – nämlich über Steuern, die dann an Bedürftige verteilt werden? Werden nicht auch meine Zuwendungen an Religionsgemeinschaften teilweise für Sozialprojekte verwendet? Gibt es nicht ohnehin eine Heerschar von SozialarbeiterInnen, die sich professionell um Notleidende kümmern? Also: Lass mich in Ruhe!!
  • Eine milde Variante der Abweisung des Bettelnden besteht darin, in der Nähe befindliche Hilfsangebote („Klostersuppe“, Sozialamt, …) zu empfehlen. Die Botschaft dabei: Ich bin hier nicht zuständig!
  • Manche wiederum würden zwar prinzipiell gerne geben, empfinden aber das Betteln an und für sich als entwürdigend, besonders bei jammerndem Tonfall und wenn Kleinkinder eingesetzt werden, um zum Spenden zu motivieren. Also: Ja schon, aber so nicht!!
  • Stadtverwaltungen erlassen „Bettelverbote“ – damit das „Stadtbild“ nicht durch bedürftige Menschen gestört wird. Die Stadt soll sich „schön“ und „angenehm“ präsentieren, Problemlösungskompetenz wird demonstriert. Jede Bedrohung durch „Bandenbildung“ wird im Keim erstickt, damit der Städtetourist nur ja wiederkommt. Denn – ja doch! – wir haben hier eine kleine heile Welt, eine sichere Stadt!
  • Warum das Betteln nicht aufhört? Offensichtlich geben genügend Menschen doch etwas: das Wechselgeld nach einem Einkauf oder das schon vorbereitete 50 Cent Stück. Oder Naturalien. Man trifft vielleicht „seinen“ Bettler am Stammplatz – und gibt ihm immer eine Kleinigkeit. Auffallend dabei: der glückliche Gesichtsausdruck des Spenders. Denn Geben macht froh! Da passiert etwas Positives zwischen Menschen, und im Gehirn springt ein Belohnungsmechanismus an. Wie und wo sonst kann man sich mit so wenig Geld Glück einkaufen?! Gutes tun tut so gut!

©Gerd Altmann/dezignus.com/pixelio.de

Welches Verhalten stiftet nun für die Allgemeinheit den größeren Nutzen? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Was ist nun im konkreten Fall zu tun? Hier einige Grundhaltungen, die bei der Entscheidung helfen können:

1. Suche den persönlichen Kontakt!
Wer sich Zeit nimmt, herauszufinden, was der Bittende wirklich braucht, wird in seiner/ihrer Entscheidung sicherer sein. Eventuell kommen dabei auch Ungereimtheiten in der Geschichte des Bettlers zum Vorschein – oder es ergeben sich Lösungsmöglichkeiten außerhalb einer Geldspende.

2. Gib proaktiv!
Jede/r kann sich monatlich im Voraus ausrechnen, wie viel er/ sie spenden und an welche Organisationen überweisen will. Am besten per Dauerauftrag. Im Bewusstsein, sowieso alles Geld, das für Spenden geplant war, gegeben zu haben, fällt die Entscheidung, „spontan“ zu spenden oder nicht, leichter.

3. Arbeite ehrenamtlich!
Zeit zu spenden und persönliche Zuwendung ist wahrscheinlich das Beste, was Sie geben können. Alle sozial aktiven Vereine bieten ehrenamtliche Tätigkeit an. Suchen Sie sich ein Betätigungsfeld und bringen Sie sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten ein.

 

Walter Steindl

ist Lebensberater und Sozialarbeiter. Bei der Emmausgemeinschaft St. Pölten ist er mit der Grundversorgung und Reintegration wohnungsloser Menschen beschäftigt.