Armut ist ganz nah

Ich fahre mit der S-Bahn in Berlin. Neben mir sitzt ein Mann, der stark nach Alkohol riecht und ungepflegt aussieht – ein Obdachloser. Er schläft so tief, dass im Laufe der Fahrt sein Kopf auf meine Schulter sinkt. Während die anderen Fahrgäste mich verdutzt ansehen und mir auf einmal alle einen Platz anbieten, bleibe ich entspannt sitzen, denn mich stört es nicht, dass Rolf* sich auf meiner Schulter ausruht.

Anna-Lena-Ramm/pixelio.de

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Ich kenne Rolf aus der Notübernachtung. Er ist nur einer der vielen Menschen, die ich während meines freiwilligen Jahres in Berlin bei der Berliner Stadtmission kennen lernte. Klar, hatte ich vorher obdachlose Menschen gesehen und über Gerechtigkeit wurde in der Schule diskutiert. Aber das alles war eher irrelevant und hatte wenig mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Durch Rolf und viele andere, veränderte sich mein Blick. Was heißt es abends keinen Platz zum Schlafen zu haben, kein Bett und nichts zu essen? Ist es nicht ungerecht, dass es Menschen gibt, denen es an so grundsätzlichen Dingen fehlt? Oder sind sie nicht sowieso an ihrer Situation selbst schuld? Sie könnten doch arbeiten gehen, dann müssten wir nicht für sie mit sorgen.

Heißt Gerechtigkeit wirklich, dass es allen gleich geht und alle gleich behandelt werden? Mir wurde einmal gesagt: „Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle das Gleiche bekommen, sondern dass alle das bekommen, was sie brauchen.“ All diese Gedanken waren in meinem Kopf, als ich nach Berlin kam. Ich wuchs behütet in einer mittelständigen Familie auf. Wenn ich an Armut dachte, wanderten meine Gedanken zu den Kindern in Afrika mit ihren Hungerbäuchen. Obdachlose in meiner Stadt sah ich keine. Ich hatte von Armut in Deutschland gehört, ein wenig darüber gelesen und doch war sie weit weg.

Bernd-Kasper/pixelio.de

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Gott liebt Obdachlose. In Berlin wurde mir mit einem Mal klar, dass Armut ganz nah ist. Ich muss sie nur sehen. Es gibt genug Menschen in unserem Umfeld, die arm sind. Ich habe obdachlose Menschen getroffen, die einmal viel Geld hatten, durch eine Sucht alles verloren haben und nun auf der Straße leben. Und Menschen, die nicht nur finanziell arm sind, sondern in ihrem Leben viel Schreckliches erlebt haben.
Beispielsweise eine Frau, die viele Jahre in der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR „Hohenschönhausen“ eingesperrt war und immer noch mit dem zu kämpfen hat, was sie dort erlebte. Die Gespräche mit diesen Menschen haben mich verändert. Ich nehme meine Umwelt anders wahr und bemerke nun, dass auch zu Hause – in der Stadt meiner Kindheit – obdachlose Menschen leben.

Shane Clainborne schreibt: „Jesus war obdachlos! Wie können wir sonntags einen Obdachlosen anbeten und ihn montags abweisen?“ Diese Aussage hat mich berührt und noch einmal aufgerüttelt, bewusster zu leben. Bewusster die Menschen wahrzunehmen und mich nicht auf meiner heilen Welt auszuruhen. Ich möchte versuchen den Menschen mit Geduld und Liebe
zu begegnen, auch wenn es mir schwer fällt. Und ich übe mich darin. Ich begegne obdachlosen Menschen in der Fußgängerzone jetzt anders. Manchmal gebe ich ihnen Geld, ein anderes Mal etwas von dem Essen, das ich dabei habe. Auf jeden Fall möchte ich ihnen ein Lächeln schenken – ein wenig Wertschätzung und Würde. Und das ist auch der Grund, warum ich Rolf auf meiner Schulter schlafen lasse.

Vollkommen gerecht wird es erst im Himmel sein. Bis dahin möchte ich Augen und Ohren offen halten für die Not anderer Menschen.

 

Dörte Scheffler

lebt noch immer in Berlin. Sie studiert
BWL mit Schwerpunkt Tourismus.

1 Antwort
  1. Stephanie
    Stephanie says:

    Hallo Frau Scheffler,
    auch ich begegne immer wieder Obdachlosen und würde ihnen gerne helfen. Wie kann ich das? Manchmal gebe ich ihnen Geld aber ich frage mich immer ob ihnen das hilft. Haben Sie Tipps was diese Menschen an materiellen Dingen brauchen oder wie man ihnen sonst etwas Gutes geben kann? Ich werde demnächst auf jeden Fall versuchen ihnen ein Lächeln zu schenken.
    Liebe Grüße Steffi

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