Religion – Privatsache?

Religion soll Privatsache sein? Dass ich nicht lache! Das glatte Gegenteil ist der Fall. Sie wollen den Beweis? Dann pilgern Sie doch einmal nach „St. Hanappi“, wie eingefleischte Rapid-Fans ihr Stadion im Westen von Wien nennen. „St. Hanappi ist meine Kirche, Rapid ist meine Religion“ bekennen sie und skandieren zu Tausenden von den Rängen: „SK Rapid, der Stolz von Wien ist unser ganzer Lebenssinn!“ Oder gehen Sie einmal „auf Schalke“. Erleben Sie hautnah, wie die Gelsenkirchener Fußballfans ihr „Schalke Unser“ gegen Himmel schicken: „Dein ist der Sieg und die Macht und die Meisterschaft in Ewigkeit. Attacke!“

Rike / pixelio.de

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Sie können aber auch das Lied der Gruppe „Bolzplatz“ hernehmen. Da heißt es unter anderem im Text:

„Die Sucht nach Fußball ist für mich viel mehr als nur Faszination. Die Mannschaft bis zum Sieg zu schrei’n ist meine heilige Mission. Das Stadion ist meine Kathedrale, wo ich mit Freunden in der Kurve steh’. Ich hab’ Gebete und ich habe Rituale. Doch statt Amen sage ich Olé Olé. Meine Sakramente sind: Ne Bratwurst und ’n kühles Bier. Und der Chor, der mit mir singt, trifft sich samstags um halb vier! Fußball ist meine Religion, Er schenkt und raubt mir die schönste Illusion. Fußball ist meine Religion, Ursprung und Heilung meiner Depression.“

Religion – Privatsache? Religion ist das totale Gemeinschaftserlebnis! Wenn der Liverpooler Fan-Block den Song „You’ll never walk alone“ („Du wirst niemals alleine gehen“) anstimmt, dann weiß sich auch der Einsamste angenommen und geborgen. Und das ist doch eine der wichtigsten Funktionen von Religion, oder? Als Individuum aufgehen in einem größeren Ganzen, für eine gemeinsame Sache zu leben.

Ach so, dass Religion Privatsache ist, gilt nur für die christliche Religion … ich verstehe. Stimmt; da ist ja nun wirklich wenig von gemeinsamer Begeisterung zu merken. Wenn ich an das zwar gemeinsam gesprochene – oder sollten wir besser sagen: gemurmelte – Glaubensbekenntnis denke; das lässt nicht auf eine besondere Freude an der „Gemeinschaft der Heiligen“ schließen. In punkto Begeisterung können wir uns von den Fußball-Fans in der Westkurve einiges abschauen.

Wie? Den Vergleich zwischen Fußball und Christentum halten Sie für unangebracht? Und wieso, wenn ich fragen darf?

 

Peter Rettinger, Pädagoge und Journalist, ist Mitarbeiter im „Institut für Lebensgestaltung“ von Agape Österreich.

peter@rettinger.cc
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