Jesus nachfolgen?

Wenn ich früher Bibelstellen wie Matthäus 4,18-22 oder Markus 1,16-20 gelesen habe, hatte ich dabei immer eine bestimmte Vorstellung von diesem Jesus im Kopf: Ein extrem charismatischer, leicht abgehobener Typ, dem man seine Aufforderung „Komm, folge mir nach!“ einfach nicht abschlagen kann, weil man irgendwie sofort kapiert, dass dies ein ganz besonderer Mann ist… Doch dann habe ich in einem christlichen Buch* etwas gelesen, das meine Sicht von Jesus und dieser Bibelstelle radikal verändert hat. Darin ging es um die Hintergründe der damaligen Zeit, als Jesus lebte – ein Thema, über das leider oft nicht gesprochen wird, obwohl es unseren Glauben doch so bereichern könnte. Aber dazu muss ich ein bisschen ausholen. * Rob Bell „Velvet Elvis“

Schule vor 2000 Jahren

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Zu der Zeit, als Jesus lebte, war es üblich, dass alle Kinder ab dem 5. Lebensjahr die Grundschule besuchten, wo sie unter anderem die fünf Bücher Mose auswendig (!) lernten.
Mit 13 Jahren, nachdem sie ihre Bar Mizvah (bzw. für die 12-jährigen Mädchen die Bat Mizvah) gefeiert hatten, durften nur die besten Schüler weiterlernen und studierten die Propheten und die Schriften des Alten Testaments sowie die mündliche Tora.
Die weniger guten Schüler erlernten Zuhause das Handwerk ihrer Väter, stiegen also sozusagen in den „Familienbetrieb“ ein. Das waren meist handwerkliche Berufe wie zum Beispiel Fischer oder Zimmermann.
Die allerbesten der verbleibenden Schüler wurden schließlich zu Rabbinern ausgebildet. Rabbis (Schriftgelehrte) waren damals in der Gesellschaft sehr hoch angesehen und es war eine große Ehre, bei einem solchen in die Lehre zu gehen. Normalerweise bewarben sich die Schüler bei dem Rabbi, dem sie nachfolgen wollten. Nahm er sie als Jünger an, lebten sie von da an bei ihm, versuchten, ihn in allen Lebensbereichen zu imitieren und folgten ihm überall hin* um nicht nur seine Auslegung der Tora zu erlernen, sondern in allem so zu werden wie er.
* Damals war es durchaus nicht ungewöhnlich für einen Rabbi, mit seinen Schülern von Ort zu Ort zu ziehen.

Jesus – der etwas andere Rabbi

Vielleicht fragst du dich nun, was das alles mit Jesus und der obigen Bibelstelle zu tun hat?
Die Bibel bezeichnet Jesus auch als Rabbi – nur, dass er seine Ausbildung bei Gott selbst gemacht hat.
Und dieser Rabbi ging nun also zu zwei einfachen Fischern und forderte sie auf, ihm nachzufolgen, also seine Schüler zu werden. Diese beiden hatten den Beruf ihres Vaters erlernt, weil sie wohl für die höhere Schulausbildung nicht gut genug gewesen waren. Doch Jesus wählte gerade sie aus! Ungewöhnlich genug, dass ein Rabbi sich seine Jünger suchte und nicht umgekehrt, aber noch dazu ging er dafür nicht zur Schriftenschule, wo doch die besten Schüler warteten, sondern „auf die Straße“, zu den einfachen Leuten.
Mit Jesus’ Charisma allein lässt sich also nicht erklären, dass Simon und Andreas sofort alles liegen und stehen ließen, um mit Jesus mitzugehen. Solch eine Gelegenheit konnte man sich schlicht und einfach nicht entgehen lassen!

Gott sieht unser Potential

Was mir daran so besonders gefällt, ist, was es über Gott selbst aussagt. Er hat ein Herz für die Außenseiter, die „Schwachen“ und Unscheinbaren und wählt oft gerade sie aus, um mit

Maja Dumat/pixelio.de

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ihnen Großes zu tun! Wenn Jesus also zu diesen Fischern sagt: „Kommt, folgt mir nach!“, bedeutet das mit anderen Worten: „Ich sehe euer Potential, ihr seid für Gott mehr als gut genug und ich traue euch zu, es zu schaffen, mir immer ähnlicher zu werden!“
Das lässt mich staunen und ermutigt mich, denn Gott hat auch dich und mich ausgewählt (nicht umgekehrt!) – er traut uns zu, seine Nachfolger zu sein!

Was bedeutet Nachfolge?

Genau wie die Jünger damals sollen wir versuchen, Jesus in allen Lebensbereichen ähnlicher zu werden und seine Auslegung der Bibel zu übernehmen.
Wenn du dir jetzt denkst, „Super, wie kann ich Jesus richtig nachfolgen, wenn er doch nicht mehr als Mensch unter uns lebt?“, geht es dir genau wie mir anfangs. Doch auch, wenn wir Jesus nicht mehr sehen können, können wir uns doch an ihm ein Beispiel nehmen – indem wir in den Evangelien lesen und das, was wir daraus lernen, in die Tat umsetzen.
Ihm immer ähnlicher zu werden heißt nicht, dass wir keine Fehler mehr machen und ein perfektes, sündloses Leben führen werden – denn das können wir (noch) nicht. Aber ich habe einmal gelesen, dass es auch nicht darauf ankommt, sondern dass Gott sich freut, wenn wir einfach unser Bestes versuchen. Er ist kein Sklaventreiber, der unmenschliches von uns verlangt, sondern weiß um unsere Schwächen. Trotzdem hat er uns auserwählt, weil er genau weiß, was in uns steckt.

Einzelkämpfer?

Wichtig dabei ist: Wir müssen uns nicht allein bemühen, sondern Gott will uns helfen. Jesus sagte über sich, dass er nichts ohne den Vater tun könne (Joh. 5,19+30). Genauso sollen wir uns nicht auf unsere eigene Kraft, sondern auf Gottes Kraft verlassen.

Auf die Liebe kommt es an

twinlili/pixelio.de

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Jesus nachzufolgen heißt nicht unbedingt, als Missionar in ein fremdes Land zu gehen. Auch Zuhause, unter unseren Freunden sollen wir seine Liebe weitergeben und –sagen. Gott ist ein Gott der Liebe und der Beziehungen.
Wenn wir in der Bibel über Jesus lesen, sehen wir, wie er mit den Menschen um ihn herum umgegangen ist. Er hatte zum Beispiel – genau wie Gott – ein Herz für Außenseiter (Lk. 19,1-10), tat den Menschen Gutes (Joh. 2,1-11; Mt. 14,13-21) heilte sie (Mt. 4,23) und diente ihnen (Joh. 13,5). Menschen waren ihm wichtiger als Gesetze (Lk. 13,14).
Hinter all dem steckt Liebe.
Jesus hat selbst gesagt, dass das sogenannte „Doppelgebot der Liebe“ das wichtigste ist (Mk. 12,29-31). Und in 1.Kor. 13,1-3 steht, dass alle unsere Bemühungen und Begabungen nichts Wert sind ohne Liebe.
Wenn wir gute Taten nur aus Pflichtgefühl tun, ahmen wir Jesus nicht wirklich nach.
Wenn wir ihm nachfolgen wollen, müssen wir einfach Gottes Liebe weitergeben – fang doch bei deinen Freunden an!

Quellen: http://www.amzi.org/html/schule.html ; Lois Tverberg & Ann Spangler „Sitting at the feet of Rabbi Jesus“; Rob Bell „Velvet Elvis“ | Bildquellen: flickr; pixelio