Geliebte Mörderin

Gottes Liebe ist grenzenlos. Und gilt jedem Menschen. Deshalb sollen und können auch Christen jeden Menschen lieben. – Soweit die Theorie.

©Brian Lary/Stck.xchng

Ok, doch, ich glaube das auch. Aber machen wir nicht oft genug dann doch (ungewollt) einen Unterschied? Denn was ist mit Verbrechern, mit Mördern? Kann man sie wirklich lieben? Und vergeben?

„Karla Faye Tucker wird am 18.11.1959 in Hou­ston, Texas, geboren. Ihre Schwestern Kathy Lynn und Kari Ann sind ein bzw. zwei Jahre älter. Ihre Familie ist recht chaotisch. Die Eltern verstehen sich nicht, streiten viel und lassen sich mehrfach scheiden. Nachdem die Ehe der Eltern endgültig in die Brüche geht, kommen Karla und ihre Schwestern zum Vater, weil der ein stabileres Leben führt als die Mutter. Doch mittlerweile sind nicht nur ihre Schwestern, sondern auch Karla schwer heroinabhängig. Als der Vater das merkt, schickt er sie zur Mutter, in der Hoffnung, dass sie damit besser klar kommt. Die Mutter ist allerdings selbst heroinsüchtig und führt ein Leben, bei dem Karla denkt: „Siehst du denn nicht, was du mir damit antust?“

Dann erfährt Karla, dass sie das Ergebnis einer Affäre ist und deshalb so anders als ihre blonden und blauäugigen Schwestern aussieht. Karla hat dunkle Locken und braune Augen. Ihr Vater ist also nicht ihr leiblicher Vater.

Inzwischen ist Karla 13 Jahre alt und ihre Mutter nimmt sie mit, um sie als Callgirl auszubilden. Karla möchte zwar keine Prostituierte sein, aber ihrer Mutter gefallen und alles tun, damit diese sie lieb hat. Karlas Leben auf der Abwärts- Spirale ist damit vorpro­grammiert. Sie ist süch­tig, zügellos und brutal. Sie sagt von dieser Zeit später: „Ein böser Blick konnte mich dazu brin­gen auf jemanden los­zugehen.“

©Gerd Altmann/Pixelio.de

Dann kommt der Tag, den sie wohl nie verges­sen wird: Es ist Juni 1983 als Karla und ihre Freunde eine Wochenend-Party feiern, bei der Sex, Alkohol und Drogen eine große Rolle spielen. Zugedröhnt mit Heroin und einer Men­ge anderer Drogen beschließen sie am 11. Juni Jerry Dean, einem alten Bekannten, das Mo­torrad zu stehlen.

Als sie gegen 3 Uhr morgens in seine Wohnung eindringen, liegt seine Nach­mittagsbekanntschaft Debora Thornton neben ihm im Bett. Dann geht irgendetwas furchtbar schief: Anstatt ein Motorrad zu stehlen, ermor­den Karla und ihr Freund Danny zwei Menschen mit einer Spitzhacke.

Etwas mehr als einen Monat nach der Tat werden sie verhaftet. Am 11. April 1984 beginnt die Beweisaufnahme in Karlas Prozess. Nach nur 70 minütiger Beratung wird Karla von einer Jury aus 8 Frauen und 4 Männern des Mordes für schuldig befunden.

Doch die Karla, die vor diesem Gericht aussagt, hat sich dramatisch verändert: Die kaltblütige Mörderin, die sich vor den Behörden versteckt hatte, ist zu einer reumütigen, sehr einfühlsamen Frau geworden. Sie gesteht die von ihr begangenen Taten. In der Gerichtsverhandlung erklärt sie, dass, selbst wenn sie selbst mit der Spitzhacke erschlagen würde, dies nicht ausreichen würde, um ihr Verbrechen zu sühnen.

Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Nun, Karla besucht in der Untersuchungshaft aus Neugier eine Veranstaltung, bei der ein Mario­nettenstück aufgeführt wird. Sie empfindet eine Atmosphäre, die sie anzieht. Am Ende der Veranstaltung nimmt sie sich eine Bibel mit. Da sie denkt, sie hätte sie geklaut, versteckt sie sich in der Ecke ihrer Zelle und liest darin.

Wie lange sie gelesen hat, weiß sie nicht, aber irgendwann kniet sie weinend auf dem Boden und bittet Gott, in ihr Herz zu kommen und ihr zu vergeben. „Ich wusste, egal was ich getan hatte, ich wurde geliebt, einfach so wie ich war.“

©Yosep Sugiarto/Stck.xchng

In diesem Moment bricht das Gewicht dessen, was sie getan hat, über sie herein. Plötzlich begreift sie, dass ihretwegen Men­schen trauern und weinen. Und trotzdem sagt Gott: „Ich liebe dich.“ Für Karla, die sich nie zugehörig und geliebt gefühlt hat, ist das über­wältigend. Durch diese Freude ist Karla sichtbar eine andere Frau geworden. Sie stellt sich ihrer Schuld, schiebt es auch nicht auf die Drogen, sondern sagt: „Ich habe diese Drogen genom­men, obwohl ich wusste, dass Menschen unter Drogeneinfluss verrückte Dinge tun, und bin dieses Risiko eingegangen.“ Sie ist einfach nicht mehr dieselbe.

Im Gefängnis, auf der Death-Row, dem Trakt, in dem die zum Tode Verurteilten einsitzen, wird sie eine Frau, die Liebe verbreitet. Sie pflegt mit vielen Gefangenen Briefkontakt und erzählt ihnen von Gottes Liebe. Sie hat sich ein Leben lang nach Liebe gesehnt. In Gottes Vater-Armen hat sie sie endlich gefunden.

Etwas, das sie sich wünscht, ist die Möglichkeit, die Familienangehörigen der Opfer um Verge­bung zu bitten. Doch wie soll das gehen, wenn der einzige Kontakt mit der Außenwelt darin besteht, alle 90 Tage einmal fünf Minuten tele­fonieren zu dürfen? Es ist interessant, wie Gott  das Ganze lenkt: Mit Peggy, der Schwester von Jerry Dean, kann sie telefo­nieren. Sie  bittet sie weinend, ihr zu vergeben. Peggy erzählt ihr, dass sie darum gebetet habe, ihr sagen zu können, dass sie ihr bereits vergeben hat. Karla ist überglücklich, das zu wissen. Und dann schenkt Gott es sogar noch, dass sie Kontakt mit Ron, dem Bruder von Debora Thorn­ton, bekommt. Ron hat zum Glauben an Gott gefunden und ihm ist bewusst geworden, dass er die Zeile „und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ aus dem Vaterunser nicht einfach nur so sprechen kann. Er sollte das auch leben. Daher besucht er Karla, als sie wegen einer Anhörung in seiner Stadt ist. Nun kann auch er Karla sagen, dass er ihr vergeben hat. Sie weint und ist total froh zu wissen, dass ihre Schuld vergeben wurde.

©Laura Glover/Stck.xchng

Gott hat ihr vergeben, und Peggy und auch Ron.

Als ihre Hinrichtungstermin im Februar 1998 näher kommt, kann sie ruhig sein, weil ihr Leben geklärt ist. Sie kann zu Gott gehen. Ihre letzten Worte, als sie in den Hinrichtungsraum geführt und auf die Liege geschnallt wird, an die Angehörigen der Opfer, dass Gott Ihnen hier­mit Frieden geben wird.“ Zu ihren eige­nen Angehörigen sagt sie: „Ich werde jetzt Jesus sehen von An­gesicht zu Angesicht. Ich liebe sehr. Ich werde euch wiedersehen, wenn ihr mir folgt. Ich werde auf euch warten.“ Als sie dann die Giftspritze bekommt, stirbt sie mit einem Seufzer und einem Lächeln auf den Lippen.“

Vielleicht denkt jetzt jemand, das sei nicht fair. Zwei Menschen hat sie getötet — und so einfach ist alles in Ordnung zu bringen? Nein, einfach ist das wirklich nicht, denn diese Möglichkeit der Vergebung hat Gott alles gekostet. Sein Sohn musste sterben. Doch das Angebot der Vergebung gilt jedem, ausnahmslos.

Dietlinde Jung
komm 03/09

Über Komm

Artikel ©Copyright bei Komm
www.kommline.de