Beziehungswaisen – Sterbehilfe

Helfen – klingt als Wort gut. Es klingt nach Menschlichkeit, Freundschaft, Liebe. Ich helfe gern – genau wie das Personal in Restaurants. Es nimmt Bestellungen „gern“ entgegen. Auch das Personal der ÖBB steht für alle möglichen Hilfestellungen selbstverständlich „gern“ zu Verfügung. Das sagen die Zugführer doch immer am Beginn einer langen Fahrt. Das beruhigt. Man ist im Fall des Falles nicht allein.

Lebenshilfe – auch das klingt positiv. Wir denken dabei vielleicht an einen Verein gleichen Namens, der beispielgebend zum Wohle von Menschen mit besonderen Bedürfnissen tätig ist. Oder wir sehen vor unserem geistigen Auge viele praktische Ratgeber in den Regalen der Buchgeschäfte stehen – alle schön vereint unter dem Titel „Lebenshilfe“.

Bernd-Kasper/pixelio.de

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Aber Sterbehilfe? Wem soll hier zu welchem Zweck geholfen werden?
Wenn sich so der Zweifel regt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Der Begriff Sterbehilfe wird heute in etwa gleichbedeutend mit dem Fremdwort „Euthanasie“ (griechisch: ‘guter Tod’) verwendet. Aus Gründen der Erinnerung an nationalsozialistische Tötungsprogramme für Menschen mit so genannten „Behinderungen“ hat das Wort einen Missklang und soll daher wohl langsam zurückgedrängt werden. Zu unterscheiden ist weiters zwischen indirekter Sterbehilfe (z.B. wird in Kauf genommen, dass ein schmerzstillendes Medikament die Lebenszeit verkürzende Nebenwirkungen hat) und direkter Sterbehilfe. Letztere gibt es in passiver Form (z.B. beim Abschalten von lebenserhaltenden Geräten) und aktiv – durch Verabreichung tödlich wirkender Präparate.

Die Diskussion um das Thema Sterbehilfe wird angesichts sinkender Kinder- und steigender Seniorenzahlen in Europa – ausgehend von den Niederlanden – mit zunehmender Intensität geführt. Dabei geht es nur um die (in Österreich gesetzlich verbotene) direkte, aktive Sterbehilfe. Denn indirekte und direkte passive Sterbehilfe wird selbstverständlich täglich hundertfach praktiziert. Die Entscheidung liegt in diesen Fällen bei Betroffenen, Angehörigen, Ärzten. Das ist gut und soll so bleiben.

Was aber bringt immer mehr Menschen dazu, direkte aktive Sterbehilfe zu befürworten und eine Gesetzesänderung zu verlangen? Können vielleicht manche dem Leid grundsätzlich keine positive Bedeutung geben? Steht der Wunsch nach Selbstbestimmung Pate? Leistet die zunehmende Vereinsamung ihren Beitrag?

Wenn sich der individuelle Aktionsradius altersbedingt schrittweise verkleinert, wird von vielen, die heute noch im Berufsleben stehen, das zuletzt genannte Phänomen mit Sorge erwartet. Die Kinder (oder das Kind)? Anderswo sehr beschäftigt! Die Enkel – so vorhanden? Sieht man selten! Die übrigen Verwandten? Verstorben oder teilweise zerstritten! Was bleibt, schmeckt nach Einsamkeit. Und einsame Menschen freuen sich des Lebens nicht. Kein Wunder, ist doch der Mensch zur Gemeinschaft geschaffen!

Kommen Schmerzen und Leid dazu, gewinnt die Aussicht auf ein schnelles Ende an Attraktivität.

Wem nicht gefällt, was sich in unserer Gesellschaft anbahnt, kann selbst aktiv werden. Ein biblischer Text weist den Weg: „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen …“ (Jakobus 1,27). Die Suche nach Beziehungswaisen ist eine Aufgabe, der sich viele Kirchen und Gemeinden in vorbildlicher Weise gestellt haben. Sterbehilfe hört dann auf, Thema zu sein. Denn wer sich geborgen fühlt und gut aufgehoben weiß, der will – und wird – leben … bis zuletzt.

 

Walter Steindl ist Lebensberater und Sozialarbeiter. Bei der Emmausgemeinschaft
St. Pölten ist er mit der Grundversorgung und Reintegration wohnungsloser Menschen beschäftigt.

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