Also bin ich

Der berühmte Philosoph René Descartes wurde bei einer Mahlzeit gefragt, ob er noch etwas Suppe wolle. Seine Antwort: „Ich denke nicht“ –schwupps: weg war er … Ja, das ist ein Sickerwitz. Und er setzt ein wenig philosophisches Grundwissen voraus. Descartes wurde mit dem Ausspruch berühmt: „Ich denke, also bin ich“. Alles klar?

Übrigens kenne ich kaum einen Spruch, der so häufig aufgegriffen und variiert worden ist. Ging es Descartes hauptsächlich um die Vergewisserung seiner selbst – die Tatsache, dass er fähig war zu denken, bewies ihm, dass er wirklich existierte – müssen die Varianten eher als Kurzformel für unseren Daseinszweck oder wenigstens für lebenswertes Leben herhalten.

Schon vor Jahren gab es ein Plakat mit dem Slogan: „Ich genieße, also bin ich“. Genuss als entscheidender Daseinszweck? Ganz ähnlich: „Ich kaufe, also bin ich“. Und in der Tat erleben sich manche Menschen nur im Kaufrausch wirklich. Eine weitere Variante: „Ich arbeite, also bin ich“. Die Bedeutung des Lebens steigt also mit der Arbeitsleistung.

Im Internet finden sich weitere aktuelle Variationen des Philosophenzitats. Eine betrifft sogar das Internet selbst: „Ich zeige mich, also bin ich“. Selbstdarstellung im Netz wird für immer mehr Menschen zur wichtigsten Kommunikationsform, zum Erweis ihrer Existenzberechtigung.

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Rike / pixelio.de

Es ist betrüblich, dass sich das Dasein und die Identität so vieler Menschen offenbar in Arbeit, Konsum und Internetsurfen erschöpfen. Deshalb eine weitere Variante des „Ich denke, also bin ich“. Ein Buch des Theologen Hans-Joachim Eckstein trägt den Titel. „Du liebst mich, also bin ich“.

Der Unterschied fällt sofort auf: Es beginnt nicht mit einem „Ich“, sondern mit einem „Du“. Selbstvergewisserung, sich spüren, Lebendigkeit erfahren durch Begegnung. Konkret durch Begegnung mit Gott.

Seht doch, wie sehr uns der Vater geliebt hat! Seine Liebe ist so groß, dass er uns seine Kinder nennt. (1. Johannesbrief 3,1)

Und diese Liebe Gottes setzt eine ganz neue Form von Lebendigkeit frei: Wenn wir einander lieben, lebt Gott in uns. Dann hat seine Liebe bei uns ihr Ziel erreicht. (1. Joh. 4,12)

Könnten wir demnach unseren tiefsten Daseinszweck so beschreiben: „Ich liebe, also bin ich!“?

 

Peter Rettinger war Journalist und Pädagoge. Als Pensionist ist er aktiv in Verkündigung und Beratung.

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